Das Gleichnis vom verlorenen Sohn kennen Sie alle und wissen ganz genau, wer von den beiden Söhnen der verlorene ist, stimmt’s? Die Lerngruppe 7ab in Katholischer Religionslehre nahm sich erst viel Zeit, dann die Bildwerke von Max Beckmann und Sieger Köder und kam zu einem anderen Schluss.

Betrachtet man nämlich die Geschichte vom Ende her, so ist es der daheimgebliebene, scheinbar korrekte Sohn, der zumindest momentan „verloren“ ist. Er durchlebt gerade innerlich diejenige Krise, die sich beim anderen Sohn bereits durch leidvolle Erfahrung in Reue erkannt zeigt und durch den barmherzigen Vater (ein Idealbild von uns und zugleich das Gottesbild Jesu Christi) endgültig überwunden wird.

Jetzt könnte man meinen, dass Herr Meffert voller Stolz ein Unterrichtsergebnis sieht, das so gar nicht in den Köpfen der Kinder angekommen wäre. Glaubt er nicht und bietet als Beleg den selbstformulierten Hefteintrag von Raphael:

„Das Gleichnis des verlorenen Sohnes

Das Gleichnis zeigt uns, dass Sohn 1 (der der wegläuft) genauso einen Fehler begeht, wie Sohn 2 (der der Zuhause bleibt). Dass S1 den Fehler begeht, aber es einsieht, er versteht was er falsch gemacht hat.

S2 schafft das nicht, er kann nicht verstehen, warum der Vater S1 wieder akzeptiert. S2 ist zu sehr auf sein Idealbild fixiert, er war der, der die Schule geschafft hat, der der den guten Job hat, der der immer da war.

Er versteht nicht, wie der Vater S1, dem, der die Schule geschmissen hat und von Zuhause abgehauen ist, verzeihen kann.“

Sie sind in dem Text nicht mehr so zu Hause und jetzt interessiert? Hier noch einmal der Originaltext aus der EÜ, Lk 15:

“ Jesus sagte: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern. Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.“

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