Das fragen mich viele Menschen, denen ich begegne oder die sich über diese Homepage eine Weile mit unserer Schule beschäftigen. Zuletzt fragten mich das die Kolleginnen aus dem Grundschulbereich, die wir vor einigen Wochen eingeladen hatten. Ich erzähle dann immer von Elmar Hörig, einem seinerzeit sehr populären Radiomoderator bei SWF3, der sein Publikum so begrüßte: „Meine sehr geehrten Hörerinnen und Hörer, daheim an den Lautsprecherinnen und Lautsprechern!“. Man schmunzelte ob dieser Übertreibung und nahm doch wahr, dass der Moderator eine versteckte Kritik an der Ergänzung aller männlichen Formen durch die weibliche transportierte. Doch er war seiner Zeit voraus. Denn zu dieser Zeit und vielleicht auch noch heute war es absolut notwendig, dass Politiker (damals meist männlich) die „Bürgerinnen“ als gleichwertige Adressaten entdeckten und so war es ein Verdienst dieses sprachlichen Denk-Anstoßes, dass man begann, beide Geschlechter nicht nur sprachlich gleichermaßen zu berücksichtigen. Heute scheint das vielen Frauen als nicht mehr notwendig, haben sie sich doch genügend emanzipiert.

In Bildungsfragen sind wir allerdings noch nicht soweit, dass der Bewusstseinswandel allerorten Raum greift. Vielen ist noch immer der Aufenthalt, die „Betreuung“ in Schulen wichtiger als das echte Lernergebnis. Es ist ja auch leichter, über die Zahl der Arbeitsgemeinschaften oder Leistungskurse ein Profil zu vermitteln, als über die Qualität des Lernprozesses in einer Mathematikstunde.

PISA hat ein erstes Umdenken angestoßen und dennoch sind wir bildungspolitisch oft noch weit davon entfernt, vom Ziel her zu denken. Das Ziel eines Gymnasiums ist, dass ein junger Erwachsener das Lernen gelernt hat und auch so viel bereits gelernt hat, dass das weitere Lernen immer selbstständiger und ohne ständige Begleitung möglich ist.

Wir fanden in der Gründungsphase unserer Schule wichtig, diese andere Schwerpunktsetzung zu verdeutlichen und wie im angelsächsischen Raum durch das Wort „Lerner“ den Fokus auf die Aufgabe des jungen Menschen, den wir damit bezeichnen, zu identifizieren. Denn wenn das Gebäude, in dem man sich aufhält, die Bezeichnung des dort seienden Menschen rechtfertigt, dann wäre ich als Schulleiter ja auch „Schüler“, denn ich verbringe dort sogar noch deutlich mehr Zeit als diejenigen, die an den meisten Schulen als „Schüler“ bezeichnet werden.

Aber meine Aufgabe ist, eine Schule zu leiten und die Kinder zu lehren, deshalb „Schulleiter“ und – nach wie vor – „Lehrer“. Die Aufgabe der Kinder und Jugendlichen ist, ihre Chance zum Lernen zu nutzen. Und deswegen nennen wir sie auch so, nämlich „Lerner“. Dass wir aber dennoch die weibliche und die männliche Form nehmen, zeigt, dass Elmar Hörig noch immer aktuell ist.

In 20 Jahren, wenn sich ganz bestimmt unsere Schule, hoffentlich aber auch unsere Schullandschaft noch stark verändert haben wird, werden wir vielleicht nicht mehr über sprachliche Denk-Anstöße eine Veränderung bewirken wollen oder müssen. Momentan aber erinnert uns Lehrerinnen und Lehrer der Begriff „Lernerin“ oder „Lerner“ fast minütlich daran, wofür uns die jungen Menschen anvertraut sind: Nicht als Betreuungsobjekt, Datensatz, Statistikmaterial oder Gegenstand bildungspolitische Auseinandersetzungen. Sondern zu ihrem je eigenen Lernen.

Deshalb: „Lerner“!

Ihr Bernhard Meffert, „Lehrer“ und „Schulleiter“ am Raiffeisen-Campus

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar