„History is not given, please help us to construct it“ – So lautete der Titel einer Podiumsdiskussion, die im Jahr 2013 im Haus der Kunst in München stattfand.

Als Historiker lasse ich mich häufig von diesem Grundgedanken inspirieren, um meine Lerner altersgerecht für den Konstruktcharakter von Geschichte zu sensibilisieren. Der Umgang mit Geschichte als Unterrichtsstoff kann nur gelingen, wenn die Lernerinnen und Lerner die Fakten und Daten in ihrem Geschichtsbuch nicht als Ausdruck einer unumstößlichen historischen Realität konsumieren, d.h. wenn sie Geschichte nicht einfach „lernen“, sondern vor allem, wenn sie VERSTEHEN, wie diese Fakten, Daten und Informationen übehaupt zur Geschichte "gemacht" werden und dass sich dahinter manch eine Geschichte verbergen kann.

Kürzlich nahm ich das  Thema „Inquisition“ – die gefürchtete Waffe der Kirche im Mittelalter –  zum Anlass, um meinen Lernern die Spannungsfelder und Übergänge zwischen Geschichte und Geschichten anschaulich zu machen. Hier der Bericht eines Lerners aus der 8. Jahrgangstufe:

„Neulich beschäftigten wir uns im Geschichtsunterricht von Herrn Dr. May mit dem Thema Inquisition. Zunächst erarbeiteten wir, was das eigentlich war und kamen dann aber schnell zum spannendsten Teil, nämlich zu der Frage: wie verlief eigentlich so ein Prozess?

Dazu bestimmte Herr May 7 Lernerinnen und Lerner, die einen solchen Prozess vorführen sollten. Nachdem sich die Gruppe kurze Zeit beraten hatte, baute sie ein Bühnenbild auf. Zunächst saßen nur 5 lul auf Stühlen und schauten zur Klasse hin. Es waren die Inquisitoren, d.h. die Untersuchungsrichter. Daraufhin führte ein Lerner einen „Verdächtigen“ in die Klasse und stellte ihn vor die Richter. Der Beschuldigte rief, noch bevor die Richter etwas sagen konnten, dass er unschuldig sei und nichts Unrechtes getan habe. Dennoch fragten die Inquisitoren, ob der  Beschuldigte doch kein Ketzer sei oder sein könnte, woraufhin dieser wieder rief, dass die Aussagen über ihn ein Irrtum seien.

Doch die Richter zeigten sich unerbittlich und uneinsichtig. Sie ordneten an, dass der Angeklagte  hinausgeführt werden solle und gaben dem Wärter durch Zeichen zu verstehen, was mit ihm geschehen solle. Kaum waren die beiden draußen, hörten wir in der Klasse laute Schmerzensschreie, die uns zeigen sollten, dass der Beschuldigte gerade gefoltert wurde. Als er wenig später wieder vor den Richtern stand, als gebrochener Mann, gab er ohne Widerstand zu, dass er schuldig sei, wobei er den Mitlernern mit der Hand deutete, dass sein Geständnis nicht wahr wäre.  Was nun  als Nächstes kam, brachte uns alle zum Schmunzeln. Der Angeklagte wurde sofort gefragt, ob er denn Mittäter hätte und antwortete auf diese Frage mit einem „Ja“, worauf man die Namen wissen wollte. Nun herrschte „Panik“ in der Klasse, denn jeder Anwesende konnte das nächste Opfer sein […], was uns gezeigt hat, dass unter den Einwohnern in einem mittelalterlichen Dorf großes Misstrauen geherrscht haben muss.   

Ein großes Dankeschön gilt allen, die mitgewirkt und ihre Rollen sehr überzeugend gespielt haben und uns somit eine spannende Darbietung liefern konnten.“

Mein Fazit lautet: Den Lernerinnen und Lernern ist es durch eine einfache konstruktivistische Interpretation gelungen, das historisch sehr bedeutsame Phänomen der Inquisition zu rekontextualisieren und auf ihre eigene Weise zu verstehen. Eine wichtige Erkenntnis bildete die Einsicht, dass jede Foltermethode eine Verletzung der Menschenwürde darstellt und daher zu problematisieren sei. Der Bericht der Lerner über ihren Verstehensweg stellt nun in exemplarischer Weise eine kleine Geschichte über Geschichte dar.  

 

 

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