Feuerzungen – ja klar… Polyglott in zwei Sekunden – sehr realistisch, so denken sicher viele, die heute und morgen die Pfingstgeschichte hören.

Warum, so frage ich mich, haben eigentlich viele Menschen unseres Jahrhunderts verlernt, Texte zu respektieren, den wahren Gedanken im narrativen Kleid zu entdecken? Sind wir so prosaisch, dass wir lyrische Texte automatisch für unwahr halten?

Dabei wird uns fast täglich in vielen Medien ein Märchen aufgetischt – manche Menschen halten „RTL-Aktuell“ sogar für eine Nachrichtensendung, oder die „BILD“ für ein Informationsorgan (nichts gegen diese beiden Medien, aber sie dienen eben in erster Linie der Unterhaltung).

Die Einkleidung der Wahrheit in Geschichten in der Bibel ist zutiefst menschenfreundlich. Sie beabsichtigt nicht zu täuschen, sondern nutzt die Gestalt einer Geschichte, um diese begreiflicher, haptischer zu machen. In diesem Fall erzählt sie von einer verunsicherten religiösen Minderheit, die sich bedroht fühlt und deshalb einmauert. Statt Integration betreibt sie Segregation.

Und dann überkommt sie – welch ein Wunder ob ihrer Situation – wieder plötzlich die Be-Geist-erung für das, was sie mit ihrem Jesus erlebt hatten. Und so neu von ihm und mit ihm be-Geist-ert trauen sie sich, sich aus ihrer Isolation zu befreien und auf Menschen zuzugehen.

Und dann klappt plötzlich die Kommunikation auch mit den Menschen, die vorher sehr fremd waren und mit denen sie sich aufgrund ihrer auch bei sich selbst vermuteten Andersartigkeit gar nicht mehr verbunden wussten.

So wird ein offener Diskurs über ihre Religion möglich. Die Bibel erzählt übrigens nicht, dass alle, die Petrus und den Jüngern zuhören, sofort die Religion wechselten und Christen wurden (Apg 2,41). Nur die, die das Wort annahmen, ließen sich taufen, berichtet die Apostelgeschichte.

Nein, so wie damals ist auch heute interreligiöser Dialog in erster Linie eine Chance zu wechselseitigem Verständnis und Toleranz. Nur wer gar nicht miteinander redet, läuft Gefahr, sich gegenseitig zu hassen …

Pfingsten, ein narratives Mahnmal für religiöse Begeisterung in toleranter, offener Diskussion statt in selbstgewählter oder fremdbestimmter Isolation.

Mutige Pfingsten wünscht Ihr Bernhard Meffert, Religionslehrer am Raiffeisen-Campus

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