Natürlich wünschen wir einander Frohe Weihnachten und versehen den Wunsch immer mit einem verstärkenden Ausrufezeichen. Wie wir ohnehin in der Adventszeit (vulgo Vorweihnachtszeit) immer recht laut unterwegs sind. Musik allerorten, Lichter in jedem Vorgarten. Und so vertreiben wir die Dunkelheit der Winterzeit und die damit einhergehende Winterdepression auch mit Hilfe von Glühwein etc. Macht man so.

Sie warten auf das „aber“? Hier kommt es: Ich fuhr dieser Tage spätabends auf dem Heimweg vom Raiffeisen-Campus durch Ebernhahn und ging unwillkürlich vom Gas. An einer Hauswand reflektierte ein Blaulicht. „Oh Gott“ entfuhr es mir spontan (und das, obwohl mein Vater mir den unnützen Gebrauch des Gottesnamens immer verboten hatte) und ich machte mir ernsthaft Sorgen um den Menschen, der hier vielleicht verunfallt oder krank abgeholt werden würde, so kurz vor Weihnachten. Ich empfand spontan Mitleid. Es könnte ja sogar die Familie eines Lerners, einer Lernerin betreffen.

Als ich näher kam, erkannte ich mein Missverständnis. Statt eines Blaulichts fand ich eine blau blinkende Lichterkette. Statt Alarmzeichen zu sein soll das blaue Licht hier wohl Freude bringen. Was läuft eigentlich schief, wenn vorweihnachtlicher Schmuck, wenn Lichterketten sogar blenden statt schmücken und wenn sie Sorgen verursachen statt zu trösten, wenn sie schon aufgeregt blinken müssen, damit sie überhaupt noch wahrgenommen werden?

Das wollte ich Ihnen in diesem Artikel berichten, war schon fast fertig und suchte dann nach einem illustrierenden Bild. Und fand dieses: „It wasn’t me – I’m innocent“ – „Ich war’s nicht – ich bin unschuldig“. Und dann nahm mein Gedanke noch einmal eine Kurve: Natürlich könnten wir in der Adventszeit die Energie statt ins Schmücken übergroßer Lichterketten in das Überreichen einer Kerze an einen sterbenden Mitmenschen im Hospiz investieren, so wie es unsere Lernerin Helena so eindrucksvoll jede Woche tut.

Oder wir können behaupten, dass die Vorweihnachtszeit ja ach so stressig ist, weil wir so viel feiern müssen.

Aber wir könnten genauso gut die Vorweihnachtszeit wieder zur Adventszeit machen und dieselbe Energie in das Schmücken unserer Seelen verwenden. Denn diese sind (da nehme ich mich bestimmt nicht aus) kurz vor Weihnachten noch wenig festlich, eher leicht ramponiert und auf jeden Fall dringend erholungsbedürftig. Wir können die Verantwortung für diesen Umstand von uns auf gesellschaftliche Konventionen abwälzen: „It wasn’t me“. Oder wir verhalten uns erwachsen, übernehmen Verantwortung und scheren aus. Aus dem Vorweihnachtszeitmodus in den Adventsmodus. Setzen uns hin und schreiben einem (oder wie ich heute Morgen: vielen) lieben Menschen unsere Gedanken oder bringen – wie Helena – eine Kerze ins Hospiz. Und machen damit die Welt viel heller als mit der ultimativen Hochleistungs-LED-Lichterkette. Versprochen.

Findet, mit einem großen Ausrufezeichen hinter dem Wunsch, dass Sie alle frohe Weihnachten haben mögen, Ihr Bernhard Meffert, Religionslehrer am Raiffeisen-Campus