Dann habe ich ja keine Feinde mehr

„Dann habe ich ja keine Feinde mehr“, sagte sie und Ruhe kehrte in der 9ab ein, auch die Religionslehrer Brühl und Griesar waren – wie ich selbst – kurz ruhig angesichts der Klugheit, die eine Neuntklässlerin hier in sehr schlichten Worten auf den Punkt gebracht hatte.
Hintergrund: Die LernerInnen hatten die Antithesen der Bergpredigt gelesen, u.a. diesen Passus:  „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“  (Mt 5,43f) Und es entwickelte sich in der Auswertung ein spannendes Gespräch. Es ging darum, was die jeweiligen Antithesen Jesu für eine Veränderung im Verständnis bringen. Und schon bald war klar: Hier wird keine Beschränkung der Freiheit, keine Einschränkung des Wohlergehens von den Menschen verlangt. Im Gegenteil: Jesus versucht den Menschen zu verdeutlichen, wie lebensbejahend seine Auslegung der Regeln ist. Als ich dann fragte, was denn bitteschön daran lebensbereichernd sein soll, wenn ich jetzt auch noch meine Feinde lieben soll, was ja doch eine ziemliche Zumutung sei, fiel dieser Satz:
„Wenn ich es schaffe, meine Feinde zu lieben, dann habe ich  ja keine Feinde mehr“. In so kriegerischen Zeiten wie heute ein großer Satz einer Neuntklässlerin, der – finde ich – nicht einfach auf die große Politik verschoben werden sollte, nach dem Motto: Ich habe den Krieg ja nicht verursacht.
Jesus spricht auch damals nicht zu Machthabern und Kriegsherren, zu Präsidenten und Diktatoren. Er spricht zu uns, den normalen Menschen und empfiehlt uns, friedlicher, verständnisvoller und damit auch glücklicher zu leben. Genau das hat diese Neuntklässlerin schon in jungen Jahren auf den Punkt gebracht und ich war – wie sagt man so schön – baff. Und dann dankbar für diesen weisen Satz, der mein Leben heute bereichert hat. (Bernhard Meffert)